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Der Bodensee ist doch ein gutes Surf-Revier

SÜDKURIER, 9. März 1996:   DAS BESONDERE THEMA

Ein ambitioniertes regionales Projekt im Internet: Die Bodensee-Kulturseiten


VON SÜDKURIER-MITARBEITER MICHAEL HASENPUSCH

Der gescannte Artikel

Der gescannte Artikel Eine der kuriosesten Plätze im World Wide Web (WWW) des Internets ist sicherlich die Informationsseite einer Institution, die Adoptiveltern für Tiere sucht. Per Modem und Computer können sich Menschen auf der ganzen Welt darüber informieren, welche süssen, alleinstehenden Hasen gerade neue Besitzer suchen. Eine tolle Sache, sie hat jedoch einen Haken: Sowohl die Karnickel als auch die Web-Seite befindet sich in Nashville, Tennessee, im Südwesten der Vereinigten Staaten. Für Bodenseeanrainer eine eher sinnlose Information.

So ähnlich verhält es sich mit vielen Angeboten, die das Internet bereit hält. Im vergangenen Jahr hat sich jedoch in der Region eines entwickelt, das richtig nützlich ist. Gemeint ist das Internet-Projekt "Kulturraum Euregio Bodensee". Dort ist zunehmend all das zu erfahren, was sich im weiten Umkreis des Bodensees an kulturellen Aktivitäten tut. Vom Kinoprogramm bis zum lokalen oder überregionalen Veranstaltungskalender, von der Präsentation einer Konstanzer Rockgruppe bis zur Selbstdarstellung einer Narrenvereinigung: Die Guggämusig Gassächlöpfer Gossau Homepage.

Die Zahl der Angebote ist groß und wächst beständig. Das Projekt ist eine Zusammenarbeit des Südwestdeutschen Bibliotheksverbundes (SWB), der Bibliothek der Universität Konstanz und der Electronic Mall Bodensee (EMB). Hinter den voluminösen Bezeichnungen stehen auch Menschen, die die Präsentation der regionalen Kultur betreuen. Das sind Günther Rau, Bibliothekar an der Universität Konstanz, Jochen Prestel, Student der Informationswissenschaften und Peter Fischer, bibliothekarischer Angestellter beim SWB.

Begonnen hat alles eher zufällig im Jahr 1994. Nachdem der SWB mit einigen Web-Seiten "ans Netz gegangen" war, hatten die Kollegen die Idee, "einfach mal ein paar Seiten mit kulturellen Informationen rein zu tun", sagt Peter Fischer. Diese Informationen sollten das eigentliche Angebot des SWB - Zugriff auf Bibliotheken und Datenbanken - ergänzen.

Wie passt das mit der Arbeit des SWB zusammen? So weit vom Bibliothekswesen sei das Kulturprojekt nicht. "Bibliotheken", sagt Fischer, "sind schon lange keine reinen Büchersammlungen mehr, sondern eher Medien- und Informationsanbieter." Und da sei der Schritt zum Bereitstellen der Informationen im Internet nicht mehr weit gewesen. Schon Anfang 1995, als sich die Electronic Mall Bodensee noch in ihrer Testphase befand, wurde dort ein "Link" auf die Bodensee-Kulturseiten integriert.

Das Konzept des Projektes ist einfach: "Wir sind offen für alle Angebote aus den Bereichen Kultur und Bildung, am liebsten natürlich nichtkommerzielle", sagt Fischer. Aber ein wenig wird die Freiheit doch eingeschränkt: "Die Inhalte müssen natürlich mit den ungeschriebenen Gesetzen des WWW im Einklang sein." Was das für Gesetze sind? "Das kann man nicht genau sagen", meint Peter Fischer, "aber klar ist: alles was Diskriminierung, Pornographie, Gewaltverherrlichung und Rassismus ist, hat in unseren Seiten nichts zu suchen."

Das sind die Ängste, die allerorten dem Internet entgegengebracht worden sind, dass Gewalt, Neonazismus und Pornographie die Bildschirme ungefragt überschwemmen. Was dazu zur Zeit durch die Presse geht, ist nach Fischers Meinung völlig übertrieben. Wer im WWW beispielsweise pornographische Bilder erwarte, der müsse sich schon viel Mühe geben. "Das heisst natürlich nicht, dass es das nicht gibt", sagt Fischer, aber man müsse schon aktiv daran interessiert sein, solches Material zu finden.

Dass die Gesetzgeber darüber nachdenken, das Internet zu reglementieren findet er daher nur zum Teil eine richtige Maßnahme: "Ich finde es toll, dass das Internet bunt und liberal ist. Und das soll so bleiben." Welche Möglichkeiten haben Personen, die den Zugang zum Internet betreuen, solche unliebsamen Angebote zu unterbinden. Die Sysops (=System Operatoren) könnten beispielsweise für ihre Benutzer bestimmte Adressen sperren.

Das hätte dann zur Folge, daß alle, die sich über die Universität Konstanz ins Internet einklinken, diese Web- Seiten nicht mehr aufrufen können. "Aber es ist ein Zufall, dass man solche Dinge als Sysop überhaupt findet", sagt Fischer. Eine andere Möglichkeit haben die Datenreisenden im WWW selbst. "Wenn einer zum Beispiel eine WWW-Seite findet, auf der die Auschwitz-Lüge verbreitet wird, dann kann er Anzeige wegen Volksverhetzung erstatten." Also genauso, als stünde das auf einem Flugblatt.

Das Kulturprojekt, das vor über einem Jahr begann, hat sich in der Zwischenzeit rasend entwickelt. Die Zahl der Zugriffe auf die Seiten betrage mittlerweile 8000 im Monat, die Zuwachsraten liegen grob geschätzt zwischen 20 und 40 Prozent. Peter Fischer beschreibt seine Arbeit am Projekt mittlerweile so: "Wir machen das Management für diese Seiten."

Immer mehr Kulturschaffende im weitesten Sinne nehmen das Angebot wahr, und wollen über den SWB im WWW präsent sein. Web-Seiten werden mit Hilfe einer speziellen Programmiersprache, dem sogenannten HTML-Code gestaltet. Das erfordert, insbesondere wenn es grafisch ansprechend sein soll, eine Menge Zeit und Arbeit. Soviel, dass Peter Fischers Wunschtraum hinsichtlich des Projektes ein eigener Etat oder gar eine eigene Arbeitsstelle ist. Bisher leisten diese Arbeit entweder diejenigen, die im Internet präsent sein wollen, selbst. Es sind meistens ehrenamtliche Helfer aus der lokalen Kulturszene, in Konstanz seien viele Studenten daran beteiligt.

Ob die Bodensee-Kulturseiten jemals einen hauptamtlichen Betreuer bekommen, kann er nicht sagen. Der SWB wird gerade in das neu in Konstanz entstehende "Bibliotheksservice-Zentrum Baden-Wuerttemberg" integriert und ist zur Zeit unter kommissarischer Leitung (der SÜDKURIER berichtete). Sicher ist aber, daß die drei Kulturverwalter Rau, Prestel und Fischer auch weiterhin im Internet umherreisen und vermutlich täglich für neue Überraschungen auf den Kulturseiten sorgen werden.

Stolz zeigt Fischer seine neuesten Errungenschaften. Die Konstanzer Rockband Glasermeister Erwin Rüttge präsentiert sich mit Bild im WWW. Der Singener Maler Michael Prax stellt sich und seine Arbeit grafisch besonders gelungen im Internet aus. Das Projekt hält Fischer für einzigartig. Natürlich seien die Großstädte mit solchen Angeboten weiter, aber für einen eher ländlichen Raum wie das Bodenseegebiet, sei der Informationsgehalt der SWB-Kulturseiten schon recht beachtlich.

Nur die Resonanz, die Kommentare, die im Internet eigentlich schnell und billig per e-mail abgegeben werden könnten, die fehlen ihm ein wenig. Aber immerhin: Ein paar haben schon geschrieben. Zum Beispiel eine Gaby aus Cancun in Mexiko, die die Bodensee-Kulturseiten lobt und fragt, ob man nicht ihrer Tante in Lindau einmal einen Gruss ausrichten könnte. Oder Steven aus Minnesota, USA, der sich bei "Pit" per e-mail für die Web-Seite des Konstanzer Musikers Alvaro bedankt. Gleichzeitig schickte er noch ein dickes Lob mit über den grossen Teich: "That Uni-Konstanz is a happening web site". Auf gut deutsch: "Toll, bei Euch ist was los."

SWB - Bücherrecherche am meisten gefragt
Konstanz (puc) Der gefragteste Dienst des Internet-Angebotes des Südwestdeutschen Bibliotheksverbundes (SWB) ist noch immer die Recherche nach Büchern. Rund 1000 Bibliotheken, zumeist Landes- und Hochschulbibliotheken, aber auch kirchliche Einrichtungen, Museen und Archive sind mit mehr als 5 Millionen katalogisierten Büchern über den SWB erreichbar. Peter Fischer beziffert die Nachfrage nach dem Angebot des SWB auf rund 100 000 Zugriffe im Monat. Die Bibliotheksrecherche ist sowohl über Telnet-Datenübertragung als auch über das World Wide Web möglich.

ELECTRONIC MALL - Zusammenarbeit mit SWB vertieft
Konstanz (puc) Der Südwestdeutsche Bibliotheksverbund (SWB) hat über seinen Internet-Dienst "Kulturraum Euregio Bodensee" die Zusammenarbeit mit der Electronic Mall Bodensee vertieft. Während der SWB Informationen über die einzelnen Kulturangebote sammelt, stellt das Steinbeis-Transferzentrum an der Universität Konstanz einen datenbankgestützten Veranstaltungskalender zur Verfügung. Geplant sind interaktive Bestell- und Abrechnungsfunktionen. Kino- und Konzertkarten könnten dann von zuhause aus reserviert und später auch bezahlt werden.

aus: SÜDKURIER, Ausgabe vom 9. März 1996